Kopten bangen um ihr Leben

Das Antonius-Kloser. Foto: Christof Hüls

Das Antonius-Kloser. Foto: Christof Hüls

„Berichtet der Welt die Wahrheit!“

Interview mit dem koptischen Bischof in Süddeutschland, Michael El Baramousy

„Betet für uns“ und „Berichtet die Wahrheit über Ägypten“. Das sind die beiden zentralen Appelle des koptisch-orthodoxen Bischofs von Süddeutschland, Anba Michael. Redakteur Christof Hüls sprach im koptischen St.-Antonius-Kloster in Waldsolms/Kröffelbach (Hessen) mit dem über 70-jährigen Geistlichen. Das Gespräch mit dem Bischof erfolgte gemeinsam mit Prof. Dr. Fouad Ibrahim, der an der theologischen Ausbildungsstätte in Kröffelbach biblische Geographie unterrichtet und seit 48 Jahren in Norddeutschland lebt. Veröffentlicht: 2013, für die evangelische Nachrichtenagentur idea.

Nachtrag aus dem Jahr 2018: Inzwischen ist die einstige Reformierte Kirche in Altena eine koptische Kirche.

Vater Michael El Baramousy, Bischof der Koptischen Kirche in Süddeutschland, bei seiner Einführung im Juni 2013. Foto: Emad Girgis

Vater Michael El Baramousy, Bischof der Koptischen Kirche in Süddeutschland, bei seiner Einführung im Juni 2013. Foto: Emad Girgis

Das 800-Seelen-Dorf im östlichen Hintertaunus, am Südzipfel des Lahn-Dill-Kreises, markiert einen der wichtigen Orte orthodoxer Christen in Europa. Dort schulen die Kopten ihren theologischen Nachwuchs. Mit Sorge und Gottvertrauen zugleich beobachtet Bischof Michael, was mit seinen Glaubensgeschwistern am Nil passiert. Am 14. August dieses Jahres gingen dort landesweit christliche Einrichtungen in Flammen auf.

Wie viele koptische Christen leben im deutschsprachigen Bereich Europas?

In Deutschland zwischen 8.000 und 9.000 Kopten, in der Schweiz etwa 2.500 und in Österreich etwa 10.000.

Wie hoch ist der Anteil der Flüchtlinge unter den Kopten?

Eher niedrig. Ich schätze ihn in Deutschland auf etwa fünf Prozent.

Wie viele Kopten leben derzeit noch in Ägypten?

Die koptischen Statistiken sprechen von ca. 15 Millionen koptischen Christen, von denen zwei Millionen außerhalb Ägyptens leben. Die offiziellen Zahlen der ägyptischen Regierung fallen deutlich niedriger aus. Sie sprechen von fünf oder sechs Millionen Christen insgesamt. Die offiziellen Stellen fälschen die Zahlen bewusst. So können sie behaupten, wir seien nur eine ganz kleine Minderheit. Das spiegelt sich auch in den offiziellen Repräsentationen oder bei der Besetzung öffentlicher Ämter wider. Beispielsweise im Parlament. Von den 13 Mio. Christen sind etwa 450.000 protestantisch. Unter ihnen gibt es eine besonders missionarisch-aktive Minderheit. 250.000 sind katholisch.

Wie viele Kirchen oder Klöster sind noch in Betrieb?

Im 7. Jahrhundert gab es in Ägypten nach der koptischen Kirchenchronik etwa 15.000 Kirchen. Heute sind es unter 3.000. Davon sind etwa 1.100 protestantisch und 200 katholisch. Es gibt neue, ganz kleine Kirchen, die verbotenerweise gebaut wurden. Sie kämpfen bereits seit 20 oder 30 Jahren um ihre Anerkennung. Ohne diese Anerkennung darf man kein Kreuz auf das Haus stellen. Zum Vergleich: Es gibt in Ägypten mehr als 300.000 Moscheen. Sie werden oft im Erdgeschoss privater Geschäfts- oder Hochhäuser eingerichtet, weil der Hausbesitzer dann weder Strom noch Wasser oder Steuern zahlen muss. 110.000 Moscheen stehen unter staatlicher Regie. Dort zahlt der Staat alle Kosten, einschließlich des Gehaltes der Imame. Der Radikalismus ist allerdings deutlich stärker in den nicht staatlich kontrollierten Moscheen.

Wie beurteilen Sie die Situation der Christen in Ägypten?

Das ist eine komplexe Frage. Aber vielleicht hilft ein Blick auf den 14. August dieses Jahres. Innerhalb einer Nacht wurden einhundert Kirchen und kirchliche Einrichtungen in Brand gesteckt. Von Nord nach Süd, von Assuan bis nach Alexandria. Das kann kein Zufall sein, sondern war systematisch organisiert von den Muslim-Brüdern und den Salafisten mit Hilfe ihrer politischen Parteien. Das waren keine „Zwischenfälle“. Die Kirchen wurden geplündert und die Beute sofort vorne auf der Straße wieder verkauft. So etwas kann sich jeden Tag wiederholen. Der letzte große Zwischenfall war Silvester 2010, als die Islamisten in Alexandria vor einer Kirche eine Bombe gezündet haben. Es gab 26 Tote und 240 Schwerverletzte. Die Gewalt ist nicht neu, aber es findet eine Intensivierung statt.
In den Medien hört man oft folgende Erklärung: Muslime hätten den Verdacht, die Christen hätten mit dem alten Regime zusammen gearbeitet. Deshalb gebe es einen solchen Hass auf die Christen.
Man kann nicht von einer Zusammenarbeit zwischen dem alten Regime und der Kirche sprechen. Aber die Kirche war immer bereit, mit dem Staat zum Wohle des Landes zu kooperieren. Es ist ein Mythos zu behaupten, dass die Kopten damals besser gestellt waren. Die Behauptung, dass die Moscheen genauso brennen, ist auch falsch. Bis auf einen Zwischenfall waren immer nur Kirchen betroffen. Es gibt keinen Grund für diesen Hass auf Christen. Die Muslim-Bruderschaft wollte nach der Absetzung von Präsident Mursi Rache. Aber warum allein gegen die Christen? Als Feldmarschall Al-Sisi die Erklärung im Fernsehen abgab, dass Präsident Mursi abgesetzt sei, saß der koptische Papst Tawadross II neben ihm. Genauso wie der einflussreichste Imam von Al-Azhar, der größten und ältesten Moschee der arabischen Welt, Ahmed Al Tayeb – eine Autorität in der ganzen islamischen Welt. Beide haben ihre Zustimmung zur Absetzung von Mursi gegeben. Aber warum wurden die Christen allein verantwortlich gemacht? Es gibt in Ägypten 110.000 Al-Azhar-Moscheen und 8.000 Al-Azhar-Schulen. Sie wurden nicht angegriffen. Wenn sie die Christen verantwortlich machen, dann bitte auch die Muslime. Es ist allein der Hass gegen die christliche Religion, wie immer.
Als die Kirchen brannten, hat die Polizei nichts getan, die Armee hat nicht eingegriffen. Nicht einmal die Feuerwehr kam. Dabei hat Ägypten die UN-Verordnung über die Pflicht des Staates seine Bürger zu schützen („Responsibility to protect“), unterschrieben.

In Ägypten leiden derzeit viele Menschen: Muslime genauso wie Christen. Wieso stehen Christen besonders schlecht da?

Natürlich leidet die gesamte Bevölkerung. Aber es gibt Gruppen, die mehr leiden als die anderen. Die Christen standen noch nie gut da. Unter Präsident Mursi ist die Qualität der Verfolgung jedoch eine andere geworden. Im Gegensatz zu Syrien gibt es unter den ägyptischen Muslimen keinen religiösen Kampf. 99% sind Sunniten. Es gab einen einzigen Zwischenfall, als vier oder fünf Schiiten von Mursis Anhängern geschlachtet wurden. Die Christen dagegen werden sowohl von der islamischen Seite als auch vom Staat benachteiligt.

Geben viele Kopten dem Druck nach und konvertieren zum Islam? Oder stärkt die Verfolgung der Gemeinden den Glauben sogar noch?

Die Verfolgung bestärkt die Christen im Glauben. Seelsorge ist gefragter denn je, die Sonntagsschulen sind voll, die Kirchen wimmeln von Menschen. Es gibt mehr Pilgerfahrten zu den Klöstern. Vor 1950 gab es in Ägypten 200 Mönche, heute leben 2.000 in den Klöstern. In Ägypten gibt es 25 Männer- und 8 Nonnenklöster, außerhalb des Landes weitere acht Mönchsklöster.

Fühlen sich koptische Christen in Deutschland sicher?

Ja, sie fühlen sich sicher. Unser Dank gilt der deutschen Regierung und den großen christlichen Kirchen, die – wo immer es möglich ist – helfen. Natürlich bleibt eine gewisse Gefahr durch islamische Gruppen. Die koptischen Weihnachtsgottesdienste im Jahr 2011 in Kröffelbach, in Hannover und in anderen Orten in Deutschland fanden nach Drohungen unter Polizeischutz statt.

Was können deutsche Christen für die Christen in Ägypten und Syrien tun?

Betet für uns. Wir glauben, dass uns Gott helfen kann. Gott erhört den, der ihn bittet. Jesus Christus hat gesagt, dass die Mächte der Unterwelt die Kirche nicht überwältigen werden (Matthäus 16,18). Und verbreitet die Wahrheit über Ägypten in der Welt. Die Politik muss über die Gefahren informiert werden, die von der Muslim-Bruderschaft ausgehen. Ich bezweifle, dass Präsident Mursi mit demokratischen Mitteln an die Macht gekommen ist. Da gab es Wahlfälschungen. Es war eine Methode der Muslim-Bruderschaft, um an die Macht zu kommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen
Seit 1980 gibt es das Kloster St. Antonius im hessischen Kröffelbach, das 2010 die offizielle Anerkennung durch den koptischen Papst in Ägypten erhielt. Neun Mönche (darunter drei angehende Mönche, so genannte Novizen) leben in dem Häuserkomplex. Bereits seit dem Jahr 2002 bildet die koptische Kirche in Kröffelbach ihren theologischen Nachwuchs aus. Die Studenten reisen vier Jahre lang jeweils an den Wochenenden zum Studium an. Viele bringen ihre Familien mit. Seit Juni gibt es in Deutschland zwei koptische Bischöfe: Am 30. Juni wurde der Abt des Klosters St. Antonius, Anba Michael, zum Bischof für den süddeutschen Raum geweiht. Einen Tag zuvor bekam Anba Damian, der in Höxter lebt, seine Bischofsweihe als oberster Hirte für die norddeutschen Gemeinden. Anba ist ein Ehrentitel.

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